Film ab und stöhnen, bitte!
Vor gut einem Jahr ließen wir Frauen über Pornos diskutieren. Eine von ihnen, Regisseurin Nicole Reinke-Torner, drehte jetzt einen Erotikfilm und lud woman ein, dabei zuzuschauen. Haben wir gemacht – und sind nebenbei der Frage nachgegangen, ob es eine Sex-Ästhetik gibt, die geschlechterübergreifend funktioniert.
Die Orgie steht für 17 Uhr auf dem Terminplan, und für den unbedarften Zuschauer am Filmset klingt das mehr nach Drohung als nach Verheißung. „Wir drehen doch FSK 16“, beruhigt Regisseurin Nicole Reinke-Torner. FSK 16 heißt jugendfrei, nackte Frauenkörper zwar, aber keine erigierten Penisse. „Ein bisschen Anfassen, kein Rudelbumsen“, erklärt Nicole. Aber eigentlich wäre auch das jetzt egal. Wer sich einen Tag lang live mit Sex im Film beschäftigt hat, den stören ein paar nackte Körper nicht mehr. Keine Schamröte beim Blick aufs fehlende Schamhaar, kein verschämtes Wegschauen, wenn eine mit blanken Silikonbrüsten neben einem sitzt. Nacktheit gehört hier zur Uniform wie Anzug und Kostüm in einer Bank. Damit da keine Missverständnisse aufkommen: Bei diesem Dreh (Titel: „Eine Nacht, drei Nächte“) soll es nicht um das Rein-Raus-Einerlei eines Pornos gehen, sondern um Erotik. Um Fantasien, schöne Bilder, gedreht in hochwertiger Video-Optik. So schwebt es Nicole Reinke-Torner vor, studierte Diplompsychologin und kreativer Kopf der Open-Mind-Filmproduktion. „Der Film soll ein breites Publikum ansprechen, auch Frauen natürlich“, sagt sie.
Nur ist das mit den Frauen so eine Sache. Mehr als 1000 Pornos erscheinen jeden Monat auf Video und DVD, die meisten ultrabillig produziert. In Umfragen geben zwar 50 Prozent der Frauen an, sie würden gern mal einen Porno sehen, aber es fehle ihnen Qualität, Story und Ästhetik. Softsexfilme, die etwa im Nachtprogramm bei VOX laufen, erreichen einen Marktanteil von 8,3 Prozent insgesamt bei den Frauen zwischen 20 und Ende 30 sind es 6,6 Prozent.
„Filmproduzenten argumentieren, wer einmal das Paradies – also einen Hardcore-Porno gesehen habe, der gebe sich nicht mehr mit Softversionen zufrieden“, erklärt Reinke-Torner. „Ich finde, dass wir das Paradies in unseren Köpfen haben. Den Akt selbst kann man nicht ästhetisch zeigen. Man sieht nur Genitalien, die aneinanderstoßen.“ Deshalb will sie Sex so inszenieren, dass immer noch Raum für Fantasie bleibt. Sie glaubt, dass das, was Frauen ästhetisch finden, auch Männern gefällt, und dass die Bilder bei beiden im Kopf nachwirken. Ihr Film ist ein Experiment von dem sie überzeugt ist. Deshalb gibt es auch – anders als beim klassischen Porno – so etwas wie eine Handlung: Die Heldin genießt in einer Nacht mehr als eine Sache die Spaß macht: Masturbieren beim Friseur, Fummeln in einer Disko, Strip-Poker im Casino, Flirten und Spannen im Club. Klar, dass Realismus auch bei diesem Versuch nicht die vorrangige Rolle spielt.
Wir sind in der Kölner Kokettbar, gleich um die Ecke vom Hautbahnhof. Hier hat schön Sönke Wortmann eine Szene für „Das Wunder von Bern“ gedreht. Es gibt Plüsch, Spiegel, Rotlicht. An diesem Tag qualmt die Nebelmaschine den Raum zu, die Scheinwerfer heizen ihn auf. Auftritt: Vivian Schmitt in Abendkleid, Pelzstola und Boa. Stil: eher Pimkie als Gucci. Vivian ist die Hauptdarstellerin in „Eine Nacht, drei Nächte“ und ein richtiger Pornostar. Das er kennt man daran, dass sie sich ihre Pornoparner aussuchen kann. „Die Chemie muss stimmen, sonst wird er ausgetauscht“, sagt sie. Schon vor Jahren wurde Vivian als die neue Gina Wild gehandelt; zu ihrer Filmografie zählen Titel wie „Eingelocht“ und „Ein Schwanz ist mir nicht genug“. Branchenübliche Preise hat sie auch gewonnen.
Vivian Schmitt, die im echten Leben ganz anders heißt und in Hannover lebt, ist hübsch, hat einen schönen Körper, der ohne Silkonbrüste noch schöner wäre, aber sie sagt, sie habe schon mit 13 von einem Kunstbusen geträumt. Mit 24 bekam sie einen. Wenn Vivian erzählt – aber das muss sie im Film kaum -, klingt ihre Stimme wie ein Klischee: rauchig, manchmal kippt sie ins Kindliche. Fast singt die 28-Jährige die Sätze ein wenig. Vivians beinahe mädchenhafter Charme wirkt eine wenig deplatziert, wenn sie Dinge sagt wie: „Wenn wir ficken, schwitze ich mehr als die Männer.“ Oder: „Jede Frau sollte im Leben eine DP gehabt haben.“ Eine was bitte“ „Eine Double Penetration. Zwei Männer gleichzeitig, einer von vorn, einer hinten“, erklärt sie.
Zusammen mit ihren Co-Darstellern Markus und Gabriela und Doro muss sie in der Kokett-Bar „nur“ Strip-Poker spielen und ein bisschen mehr. Markus und Gabriel sind ein Ehepaar und eigentlich Artisten beim Zirkus. In ihren engagementfreien Zeiten haben sie bislang etwa 70 Pornos zusammen gedreht. Wegen des Spaßes finanziellen Zubrots, sagt Markus. Doro hat ein paar Semester Industriedesign studiert, jobbt jetzt als Messe-Hostess und Model, die ist ihr erster Einsatz in einem Erotikfilm. „Du bist `ne verkappte Pornodarstellerin“, sagt Vivian zu ihr. Sie meint es als Lob.
Irgendwann sind alle Hüllen gefallen, bis die von Markus, der darf nicht. Doro streichelt die auf dem Tisch liegende Vivian, leckt ihr den Bauch. Küssen geht nicht, da der Lippenstift färbt. Vivian hat die Augen geschlossen. Und sieht aus, als würde sie das alles sehr genießen. Es herrscht Stille von der Art, die nur Lachen lösen kann. Leider wird Vivians Hals steif und auch Markus´Körperteil, das hier nicht zum Einsatz kommen soll. Sein Darstellertalent liegt zweifelsfrei unterhalb der Gürtellinie, im Gesicht spiegelt sich weniger wieder. Kameramann Daniel, „geschult“ durch Erotik-Dokus bei RTL, bleibt konzentriert wie ein Dokumentarfilmer. „Ich sehe alles in Schwarz-Weiß und nur per Ausschnitt durch die Kameralinse. Mir gehen andere als sexuelle Gedanken durch den Kopf.“
Kurze Pause, dann kann es weitergehen mit Streicheln und Massieren. „Moment, ich muss noch einmal kurz kämmen“, verkündet Vivian und greift sich ins rasierte Schamhaar. Nicole Reinke-Torner wird später zufrieden sein mit den Bildern. „Sie werden den Betrachter anmachen, egal ob Mann oder Frau“, sagt sie. Welten lägen zwischen einer Hardcore-Produktion und dieser, bestätigt Vivian. „Das hier ist viel entspannter. Die Bilder sind frauenfreundlicher, erotischer. Bei Hardcore-Pornos geht es vor allem darum, Muschi und Penis zu zeigen.“ Sechs Pornos dreht Vivian im Jahr, ihr restlicher Alltag besteht aus Autogrammstunden, meist in Sexshops. „Einmal hab ich in Slowenien in einem Media Markt Autogramme gegeben. Da kamen 1200 Leute.“ Ein Hardcore-Porno dreht Vivian in zwei Tagen, für diese 60-Minuten-Light-Version sind es vier. Qualität braucht ihre Zeit. Und die vergehe viel schneller als beim Pornodreh, findet Vivian. Spaß mache ihr der echte Sex vor der Kamera trotzdem. Ja wirklich! Bis auf einmal, das sei wie Überstunden machen gewesen. „Nach acht Stunden Poppen haste keine Lust mehr.“ Und was ist mit Küssen? „Für mich gehört das zum Porno dazu. Ich küsse nicht jeden, aber es kommt vor, wenn es ein bisschen knistert.“ Gestern mit Markus habe das nicht gepasst. „Ist ja nicht böse gemeint“, sagt sie, und man hört, dass sie lange in Berlin gelebt hat.
Regisseurin und Kameramann sprechen die nächste Einstellung durch. Auch das ist unüblich bei Hardcore-Produktionen. Ansage Nicole: „Vivian liegt, die anderen sind drum herum, und Doro macht was an Vivian. Gabi hat ihre Hände im Spiel. Dann gucken wir, ob Markus noch mal irgendwie heiß wird. Dann machen wir das Ganze anders herum: Vivian verwöhnt Doro.“ Lust per Knopfdruck, auch das gehört zum Geschäft, beim Betrachter vor Ort aber will sie sich nicht einstellen.
Ein paar Wochen später haben wir den fertigen Film „Eine Nacht, drei Nächte“ in der Redaktion angeschaut. Sinnlich fand eine Kollegin einige der Bilder, eine andere mochte die Musik als künstlerische Ergänzung. Skurril-lustig bis peinlich seien ein paar Swingerclub-Statisten in der Disko, hieß es, und manche der Zeitlupensequenzen seien scharf. Soweit die Frauen. Und was sagt der einzige Mann unseres Teams?“ „Wie langweilig! Entweder richtig oder gar nicht.“ Vielleicht ist die männliche Evolution in Sachen Porno eben doch nicht auf einer ganz anderen Fährte.
Text: Sabine Franz, woman Nr. 05/2007 vom 20.02. 2007, Seite 90
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